Themen – Bildung – Weiterbildung

So unterstützt Travail.Suisse die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen

Menschen mit Behinderungen haben ein grosses Interesse, in den Arbeitsmarkt integriert zu sein – grösser als das Angebot auf Seiten der Wirtschaft. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, setzt sich über Projekte und Massnahmen seit Jahren dafür ein, dass diese Arbeitsmarktintegration besser gelingen kann. Ziel ist es, dass mehr Menschen mit Behinderungen eine ihnen entsprechende Arbeitsstelle finden. mehr

Sowohl die Ausgestaltung der Invalidenversicherung wie auch die von der Schweiz unterzeichnete Behindertenkonvention der UNO unterstützen das Anliegen der Menschen mit Behinderungen, besser in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Was kann dabei der Beitrag der Arbeitnehmendenverbände sein? Fünf Beispiele, wie Travail.Suisse die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen zu fördern versucht:

1. Menschen mit Behinderungen und der Gesamtarbeitsvertrag
Ein wichtiges Instrument, um Probleme im Arbeitsmarkt zu lösen, ist der Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Was kann ein GAV zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen beitragen? Im Rahmen einer Studie1 ist Travail.Suisse dieser Frage nachgegangen. Diese zeigt, dass Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt auch behindern können, wie es folgender Auszug zeigt: „Wenn es in den GAVs mit Mindestlöhnen keine Regelungen zur Unterschreitung des Mindestlohnes gibt, verunmöglicht oder erschwert man Menschen mit Behinderungen und eingeschränkter Produktivität den Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Sozialpartner mit GAVs mit Mindestlöhnen sind daher herausgefordert, Regelungen zur Unterschreitung der Mindestlöhne für Menschen, die behinderungsbedingt nur eingeschränkt produktiv sein können, festzulegen.“

GAV können aber selbstverständlich auch die Integration fördern, sei es, indem sie Lohnregelungen bei eingeschränkter Produktivität definieren, klare Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz nach Unfall oder Krankheit festlegen, der Diskriminierung aufgrund von körperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung den Riegel schieben oder Verfahren der Integration festhalten. Jedoch muss erwähnt werden, dass die Sozialpartner mit dem Instrument des GAV einiges mehr zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen beitragen könnten. Die nächste Aufgabe muss deshalb sein, die paritätischen Kommissionen für weitergehende Schritte zu sensibilisieren und zu motivieren.


2. Menschen mit Sehbehinderungen und ihr Zugang zur öffentlichen Weiterbildung
Blinde und sehbehinderte Menschen sind wie alle anderen Menschen auch auf Weiterbildung angewiesen. Nur so können sie die Herausforderungen meistern, denen sie am Arbeitsplatz oder im persönlichen, gesellschaftlichen oder politischen Alltag begegnen. Beim Zugang zur öffentlichen Weiterbildung treffen sie aber auf Hürden, die manchmal kaum zu bewältigen sind. Sollen blinde und sehbehinderte Menschen erfolgreich an einer öffentlichen Weiterbildung teilnehmen können, haben die Kursanbietenden die vorhandenen Hürden abzubauen und den Zugang zu ihrer Weiterbildung barrierefrei zu gestalten. Was heisst das aber „barrierefrei“? Im Rahmen des Projektes von Travail.Suisse Formation TSF2 wird gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen und verschiedenen Bildungsanbietern eine Kriterienliste zur Barrierefreiheit erarbeitet. Damit soll die Zugänglichkeit von blinden und sehbehinderten Menschen zur öffentlichen Weiterbildung erhöht werden. Das ist wichtig, gerade auch für die Arbeitsmarktintegration. Denn wie eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW und der Haute École Spécialisée de Suisse occidentale HESSO zeigt: Blinde und sehbehinderte Menschen, die an einer beruflichen Weiterbildung im öffentlichen Kontext teilnehmen, erhöhen ihre Chance auf eine bessere Positionierung im Arbeitsmarkt stark3.

3. Bildungsmodul für zukünftige Führungskräfte
Für den Prozess der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen ist es ein Vorteil, wenn die betrieblichen Führungskräfte für dieses Thema sensibilisiert sind und über grundlegendes Wissen diesbezüglich verfügen. Im Rahmen eines gegenwärtig geplanten Travail.Suisse-Projektes soll ein Bildungsmodul erarbeitet werden, das die Bildungsanbieter von Führungskursen – z.B. die Höheren Fachschulen – in ihr Angebot aufnehmen können. Die Bildungsanbieter sollen dabei schon früh ins Projekt aufgenommen werden, damit sie die Inhalte und die Ausgestaltung des Moduls entsprechend ihren Bedürfnissen mitgestalten können.

4. Menschen mit Behinderungen und ihr Zugang zur Berufsbildung
In den strategischen Leitlinien der Berufsbildung 2030 wird von den Verbundpartnern festgehalten: „Wir gestalten eine Berufsbildung, die Jugendlichen und Erwachsenen mit unterschiedlichen Voraussetzungen (kursiv, sc.) den Einstieg beziehungsweise den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglicht.“4 In diesem Satz sind auch die Menschen mit Behinderungen mitgedacht. Travail.Suisse hat es übernommen, im Auftrag des verbundpartnerschaftlichen Steuergremiums von Berufsbildung 2030 das Thema „Menschen mit Behinderungen und ihr Zugang zur Berufsbildung“ zu bearbeiten. Ein erster Workshop zu diesem Thema hat schon unter Teilnahme von betroffenen Personen, Organisationen und Bildungsanbietern stattgefunden.5 Nun geht es darum, die Ergebnisse des Workshops unter Beteiligung der Betroffenen in konkrete Projekte und Massnahmen umzugiessen.

5. Zusammenarbeit mit anderen Akteuren
Die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen funktioniert nur, wenn viele Akteure Hand in Hand zusammenarbeiten. Für Travail.Suisse ist es daher wichtig, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen. So ist Travail.Suisse als Dachverband der Arbeitnehmenden dem vom Arbeitgeberverband gegründeten Verein „Compasso“ beigetreten und arbeiten dort im Beirat mit. Ebenso ist Travail.Suisse Solidarmitglied beim Dachverband der Behindertenorganisationen „Inclusion Handicap“. Schliesslich arbeitet Travail.Suisse auch in der Begleitgruppe des Programms “Gleichstellung und Arbeit” des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen mit.

1 Bruno Weber-Gobet, Über Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt fördern (Volltext), Bern 2. überarbeitete Auflage, September 2018.
2 Genaue Informationen zum Projekt sind zu finden unter https://www.ts-formation.ch/den-zugang-zur-weiterbildung-fuer-menschen-mit-behinderungen-verbessern-2/
3 „Die Teilnahme an einer beruflichen Weiterbildung hat einen positiven Einfluss auf die Stellenprozente. Keine Teilnahme an einer Weiterbildung bzw. wenn ausschliesslich eine sehbehindertenspezifische Weiterbildung absolviert wird, bedeutet dies eine 3- bis 6-fach niedrigere Chance auf eine Vollzeit- oder eine gewünschte Teilzeitstelle.“ SAMS: Studie zum Arbeitsleben von Menschen mit Sehbehinderung, September 2015, S.18.
4 https://berufsbildung2030.ch/images/pdf_de_en/vision2030d.pdf
5 https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/bildung/berufsbildungssteuerung-und—politik/verbundpartnerschaft/verbundpartnertagung/verbundpartnertagung-2019.html

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2019 06 25 Integration Menschen-mit-Behinderungen d.docx 21 KB

25. Juni 2019, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Branchenzertifikate – ein unterschätztes Instrument zur Bekämpfung des Fachkräftemangels

Mit dem Fachkräftemangel und der digitalen Transformation stehen Wirtschaft und Gesellschaft vor gewaltigen Herausforderungen. Auf bildungspolitischer Ebene zielen die bisherigen Anstrengungen, ihnen zu begegnen, fast ausschliesslich auf die Qualifizierung der Arbeitnehmenden über formale Abschlüsse. Ein solcher Ansatz zielt aber an all denen vorbei, die schlicht nicht über die Voraussetzungen für einen formalen Berufsabschluss verfügen, die sich beruflich innerhalb einer nützlichen Frist neu orientieren müssen oder keine Bildung auf der tertiären Ebene anstreben. Für sie könnte ein Branchenzertifikat das richtige Bildungsziel sein. mehr

Verschiedene Organisationen der Arbeitswelt haben sich zusammengefunden1, um über die „Anerkennung von Branchenzertifikaten auf dem Arbeitsmarkt“2 mehr Klarheit zu bekommen. Die Studie zu diesem Thema liegt nun vor. Sie zeigt auf, unter welchen Bedingungen Branchenzertifikate zu einem wichtigen Element werden können, um die Kompetenzbedürfnisse einer Branche abzudecken. Sie gibt Hinweise, wie Branchenzertifikate die Arbeitsmarktnähe der Ausbildungen sichern, wie die Qualität gewährleistet werden kann, wie das System flexibel bleibt und wie Aufwand und Ertrag in einem guten Verhältnis zueinander stehen. Die Studie hilft damit nicht nur den analysierten Branchen, ihr eigenes Branchenzertifikat besser einzuschätzen. Sie kann auch andere Branchen dazu motivieren, eigene Zertifikate einzuführen.

Motivation für andere Branchen

Der wachsende Fachkräftemangel verlangt von den Branchen, ihr Potential optimal auszunützen. Der alleinige Blick auf das formale Bildungssystem genügt nicht. Zu fragen ist auch, wie über das Weiterbildungssystem mit Hilfe des Branchenzertifikats dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden kann. Die analysierten Branchenzertifikate zeigen, welches Potential in ihnen liegt:
Das Branchenzertifikat Pflegehelfer/in des Schweizerischen Roten Kreuzes SRK gibt es seit 1959. Insgesamt wurden über 100’000 Zertifikate vergeben. Pro Jahr werden gegenwärtig rund 4500 Zertifikate ausgestellt.

Das SVEB-Zertifikat gibt es seit 1996. Insgesamt wurden 50’151 ausgestellt. Allein 2018 konnten 2709 neue Zertifikate übergeben werden. Der Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen VSEI konnte seit 2018 450 Branchenzertifikate „Elektro-Teamleiter/in“ ausstellen. Rund 250 Personen erreichen jährlich das Branchenzertifikat „Fertigungsspezialist/in VSSM/FRECEM“ des Verbandes des Schweizerischen Schreinermeister und Möbelfabrikanten.

Transparenz im Weiterbildungsbereich

Branchenzertifikate helfen nicht nur, dem Fachkräftemangel entgegenzutreten, sondern auch Transparenz in die Weiterbildungslandschaft zu bringen. Viele Weiterbildungsabschlüsse sind für den Arbeitgeber nicht einschätzbar und haben daher für die Arbeitnehmenden auch nur einen begrenzten Wert auf dem Arbeitsmarkt. Anders ist es mit den Branchenzertifikaten. Indem eine nationale Branche die über die Ausbildung zu erreichenden Kompetenzen definiert und die Bildungsanbieter überprüft, sind die Abschlüsse für die Arbeitgeber aussagekräftig und für die Arbeitnehmenden auf dem Arbeitsmarkt hilfreich

Für weitere Informationen:
Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Travail.Suisse, Ko-Leiter der Steuergruppe der Studie


1 Schweizerischer Verband für Weiterbildung SVEB, Schweizerisches Rotes Kreuz SRK, Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen VSEI, Verband des Schweizerischen Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM, Branche Bewegung und Gesundheitsförderung, Travail.Suisse, Schweizerischer Gewerbeverband sgv, Centre Patronal.
2 https://alice.ch/fileadmin/Dokumente/Themen/Forschung/190527_SVEB_ABA-Studie.pdf

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28. Mai 2019, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Braucht die Berufsbildung neue Finanzierungsregeln?

Der Bund unterstützt die Kantone in Bezug auf ihre Leistungen im Bereich der Berufsbildung. Berechnet wird diese Unterstützung zur Hauptsache auf der Grundlage der Anzahl Personen in der beruflichen Grundbildung im jeweiligen Kanton (vgl. Art. 53 Berufsbildungsgesetz BBG). Travail.Suisse stellt sich die Frage, ob angesichts der zunehmenden Bedeutung anderer Bereiche der Berufsbildung – zum Beispiel der berufsorientierten Weiterbildung – die Bemessungsgrundlage für die Zuteilung der Finanzen an die Kantone noch die richtige ist. mehr

Wie funktioniert die Finanzierung der Berufsbildung? Die jährlichen Ausgaben von Bund und Kantonen werden zusammengezählt. Die gesamte Ausgabensumme beträgt gegenwärtig rund 3.6 Milliarden Franken. Nach Art. 59.2 Berufsbildungsgesetz (BBG) übernimmt der Bund 25 Prozent (also 900 Millionen Franken), die Kantone übernehmen 75 Prozent (also 2.7 Milliarden Franken). Die Pauschale an die Kantone wird wie folgt berechnet: Von den 900 Millionen Franken zieht der Bund seine eigenen Ausgaben z.B. für das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB, für die Projekte nach Artikel 54 und 55 BBG und für die Kosten für die Vorbereitungskurse ab. Den Restbetrag teilt er durch die Anzahl Personen, die sich in der Schweiz gegenwärtig in der beruflichen Grundbildung befinden. Das ergibt die Summe für eine Pauschale. Jeder Kanton erhält nun für jede Person, die auf seinem Gebiet eine berufliche Grundausbildung absolviert, eine solche Pauschale. Das bedeutet: Kantone mit mehr Lehrlingen bekommen vom Bund mehr Subventionen als Kantone mit weniger Lehrlingen.

Motivationsspritze während der Lehrstellenkrise

Diese Finanzierungsregelungen wurden während der Lehrstellenkrise festgelegt. Das Engagement eines Kantons zur Schaffung neuer Lehrstellen half also nicht nur, die soziale Problematik „Jugenderwerbslosigkeit“ zu entschärfen, sondern führte auch – als positiver Effekt – zu einer höheren Anzahl Pauschalen für diesen Kanton.

Das Engagement eines Kantons in anderen Berufsbildungsbereichen, z.B. der berufsorientierten Weiterbildung, führt nicht zu diesen Effekten. So erhöht ein Kanton, der sich zum Beispiel vermehrt in der berufsorientierten Weiterbildung engagiert, damit zwar seine eigenen Kosten und die Gesamtkosten im System, nicht aber die Anzahl Pauschalen, die er vom Bund erhält.


h2. Neue Finanzierungsregeln nötig?

Angesichts der zunehmenden Bedeutung z.B. der berufsorientierten Weiterbildung aufgrund des Fachkräftemangels, der demografischen Entwicklung und des Veränderungsbedarfs bezüglich Kompetenzen stellt sich die Frage, ob die gegenwärtige Bemessungsgrundlage noch die richtige ist. Müsste sich nicht auch ein verstärktes Engagement eines Kantons z.B. im Bereich der berufsorientierten Weiterbildung in erhöhten Subventionen durch den Bund niederschlagen? Aus Sicht von Travail.Suisse ist dieser Frage im Rahmen von Berufsbildung 2030 nachzugehen.

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2019 01 22 Finanzierung Berufsbildung BWG.docx 14 KB

22. Januar 2019, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Sehbehinderte machen sich digital fit

Wenn die Augen schwächer werden, können digitale Technologien die Teilhabe an der Gesellschaft deutlich verbessern. In Kursen lernen Sehbehinderte, ihr Smartphone optimal einzusetzen. Travail.Suisse Formation, hat im Rahmen seines Projektes „Besserer Zugang für blinde und sehbehinderte Menschen zur öffentlichen Weiterbildung“ die Apfelschule besucht und sehbehinderten Menschen beim Lernen über die Schultern geschaut. mehr

Suchend streicht Cécile Haldemann über das Display ihres Smartphones. „Telefon, WhatsApp, E-Mail, Rekunia“, liest ihr die Computerstimme vor. Sie tippt die Rekunia-App an, klaubt ein Bündel Noten aus ihrem Portemonnaie und richtet die Kamera auf eine davon. „Etwas näher dranhalten“, rät Kursleiter Sandro Lüthi. Nun klappt‘s: „Zehn Schweizer Franken“, tönt es aus dem Telefon. „Die neuen Geldscheine sind für mich schwierig auseinanderzuhalten, weil sie fast gleich gross sind“, sagt die 61-Jährige. Während geübte Sehbehinderte die Noten anhand von feinen tastbaren Strichen an den Rändern erkennen, fällt dies Menschen, die sich noch vor Kurzem auf ihre Augen verlassen konnten, schwerer. „Bis anhin hatte ich meistens einen Sack voll Fünfliber bei mir, weil diese sich gut von anderen Münzen unterscheiden lassen“, lacht Haldemann. „Man wird erfinderisch.“

Um den Umgang mit ihrem Smartphone zu üben, hat die Frau aus dem St. Gallischen Gommiswald Anfang November an einem zweitägigen Workshop in Uznach teilgenommen. Der Verein Apfelschule bietet regelmässig Kurse in der ganzen Schweiz an. Für blinde und sehbehinderte Menschen sind digitale Geräte eine grosse Hilfe bei der Bewältigung des Alltags. Doch die optimale Anwendung will gelernt sein. Viele ältere Menschen sind mit dem Smartphone noch wenig vertraut. Jüngere dagegen müssen die Bedienung mit der Stimme üben.

Den fruchtigen Namen hat sich die Organisation gegeben, weil Geräte der Marke Apple für Sehbehinderte einst am besten geeignet waren. Das Betriebssystem des iPhone enthielt als erstes integrierte Bedienungshilfen wie etwa die sprechende Assistentin Siri sowie die Funktion VoiceOver, die Texte laut vorliest. Zudem gibt es verschiedene spezielle Apps, die heruntergeladen werden können. Finanziell ist der Verein aber nicht vom Apple-Konzern abhängig, sondern wird vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) unterstützt.

Übung und Kniffe

„Das Smartphone erweitert meine Bewegungsfreiheit erheblich“, sagt Geschäftsführer Sandro Lüthi. Der 41-Jährige ist seit zehn Jahren selbst von einer fortschreitenden degenerativen Augenkrankheit betroffen, hat aber noch einen Sehrest. Er hat sein Smartphone so eingerichtet, dass die Schrift weiss auf schwarzem Hintergrund erscheint; so kann er es vorderhand noch optisch bedienen. Lüthi ist mit digitalen Technologien aufgewachsen und kann sich dennoch gut in andere Generationen einfühlen. „Wenn schon sehbehindert sein, dann ist heute die beste Zeit dafür», stellt er klar.

Dass Cécile Haldemann vollständig bind ist, merkt man ihr kaum an. In den vertrauten Räumen bewegt sie sich auch ohne Stock sicher und stösst kaum an. Beim Sprechen schaut sie dem Gegenüber direkt in die Augen. Doch im Alltag ist die aktive, lebenslustige Frau stark auf die Unterstützung ihres Ehemannes und des grossen Bekanntenkreises angewiesen. Bis vor Kurzem hat sie sich noch mit ihrem alten Tasten-Handy durchgeschlagen. Doch dies wurde immer schwieriger. „Nachrichten lesen und schreiben konnte ich nicht mehr.“ Erst vor einer Woche hat sie sich deshalb ein Smartphone zugelegt. Die Spracherkennungs-Software Siri ist zu ihrer treuen Assistentin geworden. „Bitte ruf Werner an“, sagt Haldemann, oder „Schreib Helen ein WhatsApp.“ Siri gehorcht brav und setzt die gesprochenen Worte in Schrift um. Sie kennt auch sämtliche Emojis besser als viele Sehende und beschreibt sie: «Grinsendes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen, Pizzastück, Flagge von Togo». Zudem hat Siri den Zeitplan im Griff: Sie trägt Termine in der Agenda ein oder antwortet auf die Frage: «Was für Termine habe ich heute?»

Mobil und informiert

Zeit für eine Pause, in der sich die Kursteilnehmer rege über ihre Erfahrungen austauschen. Nach einem Kaffee steht die Bedienung der SBB-App auf dem Programm. Kursleiter Jörg Schilling erklärt, wie man Abfahrts- und Zielort über Sprachbefehle eingibt und die Verbindung abruft. Zudem empfiehlt er, die geplante Reise stets zu speichern. „So kündigt euch die App an, wann ihr aussteigen müsst. Das ist praktisch, wenn ihr nicht mehr sicher seid, welche Haltestelle als nächste kommt.“ Ein weiteres Thema des Kurses sind Medien: Auf Play-SRF können auch Blinde problemlos Radio und Fernsehen hören. Und auf der App E-Kiosk stehen ihnen für rund 100 Franken im Jahr die meisten Schweizer Zeitungen zur Verfügung. Damit Sehbehinderte auch gewöhnliche Webseiten und Apps nutzen können, sollten sie barrierefrei gestaltet sein. Bei den meisten offiziellen Angeboten wie etwa der SBB-Fahrplanabfrage sei dies heute gewährleistet, sagt Sandro Lüthi.

Auch Ernst Horat ist sehr froh um all die digitalen Hilfen, die ihm zur Verfügung stehen. Denn das Lesen längerer Texte ist für den 78-Jährigen sehr anstrengend geworden. «Der Blick ist verschleiert, wie wenn jemand die Vorhänge gezogen hätte», erklärt der vitale Renter aus Richterswil, der vor weniger als einem Jahr noch mit dem Auto unterwegs war. Nun kann er sich in der Öffentlichkeit noch knapp mit den Augen orientieren, doch Bücher und Zeitungen lässt er sich vom Screenreader vorlesen. Ein iPhone besitzt er schon länger. «Früher habe ich Siri mehr als Spielerei und Zeitverschwendung angeschaut», sagt Ernst Horat. «Heute ist die digitale Assistentin für mich zur unentbehrlichen Begleiterin im Alltag geworden.»


Nicht allein gelassen mit der Technik
Der Verein Apfelschule geht auf das Engagement des heutigen Ehrenpräsidenten Urs Kaiser zurück. Der blinde Solothurner hatte vor rund 7 Jahren begonnen, Blinde und Sehbehinderte im Umgang mit ihrem Smartphone zu unterstützen. Wegen zunehmender Nachfrage wurde 2016 ein offizieller Verein gegründet mit je einer professionellen Geschäftsstelle in der Deutschschweiz und der Romandie. Die Apfelschule bietet an diversen Standorten Basis-, Aufbau- und Themenkurse an. Neben Kommunikation und Organisationshilfen werden Aspekte wie Mediennutzung und Navigation aufgegriffen. www.apfelschule.ch

Schulungen und Beratungen für die Bedienung technischer Geräte bietet zudem die Firma Tools4theBlind an, die 2007 von Stefan Hofmann gegründet wurde. In seinem Verkaufslokal in Winterthur sind zahlreiche Hilfsmittel für Arbeit, Alltagsgestaltung und Unterhaltung erhältlich. Das Team bietet zudem Unterstützung beim Einrichten des Arbeitsplatzes an. www.tools4theblind.ch

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2018 12 17 TS-Formation Apfelschule d.docx 21 KB

16. Dezember 2018, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

Neun Handlungsfelder im Bereich der Weiterbildungspolitik

Am 1. Januar 2017 ist das Weiterbildungsgesetz (WeBiG) in Kraft getreten. Man steht damit nicht mehr vor der Aufgabe zu begründen, warum es ein Weiterbildungsgesetz braucht. Vielmehr müssen jetzt Antworten darauf gefunden werden, wie das WeBiG umgesetzt werden soll. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hat neun Handlungsfelder identifiziert, die politisch bearbeitet werden müssen. mehr

Das Weiterbildungsgesetz WeBiG1 soll das lebenslange Lernen im Bildungsraum Schweiz stärken. Zur Weiterbildung gehören alle nonformalen Ausbildungen, angefangen bei den Grundkompetenzen bis hin zu den Weiterbildungen im Hochschulbereich. Auf allen Ebenen gibt es aus Sicht von Travail.Suisse Handlungsbedarf.

Handlungsfeld „Grundkompetenzen“

Im Bereich der Grundkompetenzen stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann die Zielgruppe der Menschen mit ungenügenden Grundkompetenzen erreicht werden? Nationale Marketingkampagnen sind zu begrüssen und wichtig2. Aber viel wichtiger ist es, Personen mit Problemen im Zusammenhang mit den Grundkompetenzen am Arbeitsplatz bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV oder bei der Sozialhilfe darauf anzusprechen. Dazu müssen sich aber diese Orte als Teil des politischen Auftrags “Erhalt und Erwerb von Grundkompetenzen” verstehen. Diese Einbindung muss gelingen, um das Anliegen „Erhalt und Erwerb von Grundkompetenzen" vorwärtszubringen.

Handlungsfeld „WeBiG und Berufsbildungsgesetz BBG"

Das WeBiG ist ein Rahmengesetz. Es legt die Grundsätze fest, denen alle Gesetze folgen müssen, in denen Weiterbildung ein Thema ist. Das Berufsbildungsgesetz BBG muss die Anpassung an die Grundsätze des WeBiG noch vornehmen. Das heisst die Berufsbildung muss sich überlegen, was im BBG angepasst werden muss, damit die Grundsätze des WeBiG auch im BBG berücksichtigt werden. Diese Arbeit ist bisher nicht gemacht worden.

Handlungsfeld „Anpassungsbildung“

Die Weiterbildung dient sowohl zur Höherqualifizierung wie auch – über die Anpassungsbildung – zum Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Angesichts der rasanten technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen stellt sich die Frage, wer für die Anpassungsbildung zuständig ist. Das WeBiG nennt zwar im Artikel 5 Verantwortlichkeiten, hat aber keine Möglichkeiten, diese auch durchzusetzen. Wenn in Bezug auf die Anpassungsbildung etwas geschehen soll, so haben sich der Bund, die Kantone und die Wirtschaft für bestimmte Zielgruppen (z.B. wenig Qualifizierte) auf klare und überprüfbare Ziele und auf Massnahmen zur Erreichung der Ziele zu einigen.

Handlungsfeld „Nationaler Qualifikationsrahmen Berufsbildung“

In den „Nationalen Qualifikationsrahmen Berufsbildung“ NQR-BB3 werden bisher nur formale Abschlüsse eingeordnet. Um der Weiterbildung mehr Wert und Transparenz im Arbeitsmarkt und im Bildungssystem zu geben, ist es politisch angezeigt, unter bestimmten Bedingungen auch Branchenzertifikate in den NQR-BB aufzunehmen.

Handlungsfeld „Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung“

Die Arbeitgeber und Arbeitnehmenden brauchen angesichts der technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen vermehrt Kompetenzen zur Laufbahngestaltung. Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung BSLB muss daher aufgewertet und im Bildungssystem neu positioniert werden, gerade auch zur Planung der Weiterbildung. Dazu braucht die BSLB einen nationalen Auftrag statt 26 unterschiedliche kantonale Aufträge. Neu soll sich der Bund über eine Pauschale und über Projekte an den Kosten beteiligen. Die BSLB muss vermehrt national abgestimmte Dienstleistungen für Erwachsene und Betriebe anbieten und so das lebenslange Lernen stärken.

Handlungsfeld „Hochschulweiterbildung“

Gemäss WeBiG Artikel 2.2 liegt es in der Zuständigkeit der hochschulpolitischen Organe, die Grundsätze des Weiterbildungsgesetzes umzusetzen. Bei der Umsetzung muss dabei darauf geachtet werden, dass es zu keinen Wettbewerbsverzerrungen gegenüber der Höheren Berufsbildung (Art. 3i HFKG) kommt. Insbesondere sind klare Regeln zu definieren im Zusammenhang mit der Durchführung von Vorbereitungskursen im Hinblick auf Berufsprüfungen und Höhere Fachprüfungen.

Handlungsfeld „Weiterbildung und Menschen mit Sehbehinderungen“

Gemäss Artikel 8 WeBiG sind Bund und Kantone bestrebt, „mit der von ihnen geregelten und unterstützten Weiterbildung insbesondere: (…) b. den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen Rechnung zu tragen;“. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist der Zugang zur öffentlichen Weiterbildung durch verschiedene Barrieren (z.B. nicht barrierefreie Texte) erschwert. Travail.Suisse Formation führt ein Projekt unter dem Titel «Für Menschen mit einer Sehbehinderung den Zugang zur öffentlichen Weiterbildung verbessern» durch. Dabei wird unter anderem eine Krite-rienliste erarbeitet, die Bildungsanbietern helfen soll, Weiterbildungen so zu gestalten, dass auch blinde und sehbehinderte Menschen erfolgreich daran teilnehmen können. Ziel muss sein, dass die Anbieter von öffentlichen Weiterbildungen diese Kriterienliste verwenden und so den blinden und sehbehinderten Menschen einen barrierefreien Zugang zu ihrer Weiterbildung ermöglichen.

Handlungsfeld „Gesamtarbeitsverträge und Weiterbildung“

Die Sozialpartner haben die Möglichkeit, unabhängig von der Politik über das Instrument der Gesamtarbeitsverträge GAV die Weiterbildung zu stärken. Travail.Suisse und die angeschlossenen Verbände sind bestrebt, das lebenslange Lernen auch über den GAV zu fördern, und zwar für alle Angestellten4, auch für die wenig qualifizierten und Menschen mit Behinderungen5.

Handlungsfeld „Weiterbildung und die Senioren“

Angesichts der demografischen Entwicklung verfügt die Gruppe der Seniorinnen und Senioren über ein grosses Potenzial zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen. Dieses Potenzial sollte besser genutzt werden. Dazu braucht es eine Strategie und Weiterbildungsmassnahmen. Die Kantone entwickeln zusammen mit dem Bund eine Strategie, um das Potenzial der Senioren und Seniorinnen zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen besser nutzen zu können. Der Bund unterstützt eine Organisation der Weiterbildung (WeBiG Art. 12), die sich dem Thema «Seniorinnen und Senioren» widmet.

1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20141724/index.html
2 https://www.besser-jetzt.ch/
3 https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/bildung/mobilitaet/nqr.html
4 https://www.transfair.ch/Ressourcen/PDF/Communication/GAV/GAV_Swisscom_2018_de-de.pdf, Kapitel 2.4
5 https://ts-paperclip.s3-eu-west-1.amazonaws.com/system/uploadedfiles/4616/original/Integration_druck.pdf?1522244770; Seite 24.

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2018 10 02 Handlungsfelder-fuer-die-Weiterbildungspolitik d.docx 20 KB

02. Oktober 2018, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon